Wann wirst du dich enthüllen

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Wann wirst du dich enthüllen
  Vor meinen Blicken ganz,
  Ergießen deine Füllen,
  Daß ich vergeh' im Glanz?
Gesuchte mir gefundne
  In tausendfacher Spur
  Und wieder mir entschwundne
  Wo birgst du mir dich nur?
Ich hab' im Sternenlichte
  Nach deinem Blick gefragt,
  Von Morgens Angesichte
  Hast du mich angetagt.
Ich hab' aus Rosenwangen
  Von dir gesehn den Strahl,
  Dein Lächeln aufgegangen
  Sah ich im Rosenthal.
Im schlanken Wuchs, im Gange,
  Hab' ich dich dort geahnt;
  Hier hat mich mit dem Klange
  Die Stimm' an dichgemahnt.
Ich dachte, daß du zeigen,
  Ein lichtgewobner Leib,
  Dich müssest mir, und eigen
  Mir sein als liebend Weib.
Doch immer, eh' die Glieder
  Des Duftes zur Gestalt
  Geworden bist du wieder
  Mir in den Duft zerwallt.
Und immer, eh' die Schimmer
  Zum festen Strahlenbild
  Geronnen, bist du immer
  Zerflossen im Gefild.
Des Lenzes Morgenröthen
  Verkünden dich mir nah,
  Und Nachtigallenflöten
  Dich mir unsichtbar da.
Es lächeln's alle Rosen,
  Daß du den Freund geneckt,
  Und alle Lüfte kosen,
  Daß du dich ihm versteckt.
In welcher dieser Lauben,
  Wodurch die Ahnung rauscht,
  Verrathet's, o ihr Tauben,
  Wo sie verborgen lauscht.
Sie will aus den Tapeten,
  Die ihr der Lenz geliehn,
  Sie will hervor nicht treten,
  Und mich hinein nicht ziehn.