Braut Lenore.

Ein schön französisch Mägdlein schaut
  Des Nachts im Mondenschein:
  Hier lieg' ich arme junge Braut
  In kalter Nacht alleine;
  Mein Bräutigam, der mich betrog,
  Von hier in's kalte Rußland zog.
  Hast du die Lieb' erfroren
  Zu Moskow vor den Thoren?
Da tritt es an ihr Bett heran,
  Und spricht in dumpfen Tönen:
  Thu' auf, daß ich mich wärmen kann!
  Da wird's so weh der Schönen.
  O weh, wo ist die Rechte dein?
  Wo ist dein Arm? wo ist dein Bein?
  Du bringst die süßen Glieder
  Mir nicht zur Brautnacht wieder.
Mein rechter Arm der liegt im Schnee,
  Mein linker Fuß im Eise.
  Fein's Liebchen, auf vom Bette steh',
  Und schicke dich zur Reise.
  Wir, reiten, eh' der Hahn erwacht,
  Wir reiten hin in einer Nacht;
  Du sollst mir meine Knochen
  Im Schnee zusammen suchen.
O weh, ich weiß die Wege nicht,
  Laß deine Knochen liegen,
  Ich reite nicht im Mondenlicht,
  Du wirst sie selbst schon kriegen.
  Geh, und wenn du sie wieder hast,
  So such' zu Nacht dir and're Rast,
  Kalt ist's im Mondenscheine,
  Ich schlafe gern alleine.
../../_images/zeitgedichte-s062-braut-lenore.jpg ../../_images/zeitgedichte-s063-braut-lenore.jpg