Der deutsche Großvater.

Hör' zu, mein lieber Enkel,
  Und häng' dein hölzern Schwert
  Derweil an seinen Henkel;
  Die Sach' ist redenswerth.
Gezogen ist dein Vater
  Von hier zum Feind hinaus,
  Begierig wie der Kater
  Auf seinen Raub, die Maus;
Und ließ uns zwei bei'n Knechten
  Daheim im Hinterhalt,
  Weil du zu jung zum Fechten
  Und, leider, ich zu alt.
Die Zeit uns zu vertreiben,
  Komm, setz dich auf mein Knie,
  Und laß uns durch die Scheiben
  Seh'n aus die Gass' —— o sieh!
Was zieht für ein Gewimmel
  Von Volk das Haus vorbei;
  Wohl Niemand als der Himmel
  Weiß, wer ein Jeder sei.
Man sieht's an den Gewändern
  Und an der Waffenart,
  Daß sie aus gar viel Ländern
  Zusammen sind geschaart.
Ich kenne wohl die Preußen,
  Die Schweden auch zur Noth,
  Das aber sind die Reußen
  In Dunkelgrün und Roth.
Der mit dem großen Spieße
  Auf seinem kleinen Gaul,
  Wenn der das Reiten ließe!
  Doch scheint das Thier nicht faul.
Das nennt man die Kosacken,
  Die dort, den Bart voraus,
  Den Fitschepfeil im Nacken,
  Seh'n wahrhaft heidnisch aus.
Anstatt zur Musik reiten
  Im Takt sie zum Gesang;
  Es klingt recht sanft von weiten,
  Nah macht's doch fast mir bang.
Sie rufen durcheinander
  Ganz unverständlich hohl:
  Da klang's wie Alexander!
  Das ist ihr Abgott wohl.
So zieh'n sie, fremden Schalles,
  Und ihres Seins und Thuns
  Ist nichts wie hier, und alles
  Ganz anders als bei uns.
Am Karren selbst drei Rosse
  Zieh'n nebeneinander gar,
  Und hinten erst beim Trosse
  Kommt wunderliche Schaar.
Kind, wenn du glaubst zu wissen,
  Was ganz ich selbst nicht weiß,
  Sag' mir, was hat gerissen
  Die all' aus ihrem Gleis?
Der Vogel, ungescheuchet,
  Bleibt gern in seinem Nest;
  Nicht springt das Reh und keuchet,
  Wenn man in Ruh' es läßt.
Es ruhen Stier und Kälber,
  Wenn nichts sie treibt in's Joch;
  Die gift'ge Otter selber
  Bleibt, ungereizt, im Loch.
Was hat denn diese Völker
  Ja ihrer Ruh' verstört,
  Daß sie als wie Gewölke
  Sich drängen unerhört?
Hast du noch keinen Geier
  Geseh'n, der sich entschwingt
  Vor einem Haufen Schreier,
  Der folgend ihn umringt?
Die Elstern allenthalbcn,
  Die Dohlen zieh'n heran,
  Sogar die frommen Schwalben
  Auch nehmen Theil daran.
Die lärmenden Betäuber
  Umschwärmen ihn mit Braus,
  Und rupfen ihrem Räuber
  Im Flug die Federn aus.
Er hat sie lang gereizet
  Durch seinen Uebermuth,
  Bis daß sie sich gespreizet,
  Zu wehren seiner Wuth. ——
Die Vögel unter'm Himmel,
  Mein Sohn, sie sind ein Bild
  Von diesem Volksgewimnml,
  Das unaufhörlich schwillt.
Die auch von einem großen
  Würggeier and'rer Art
  Aus ihrem Nest gestoßen,
  Zieh'n gegen ihn geschaart.
Er rüttelte mit Pochen
  An einem Wespenschwarm,
  Der jetzt ist ausgebrochen,
  Und bohrt in seinen Arm.
Gewachsen ist den Mücken
  Ein Stachel kühn und dreist;
  Auf scheuer Tauben Rücken
  Fährt her ein heil'ger Geist.
Es speien Wuth und Flammen
  Die Vöglein klein und kraus,
  Und wachsen all' zusammen
  Zu einem Vogel Strauß.
Der regt sein Kampfgefieder
  Weit über alle Welt,
  Dazu sich haben Glieder
  Aus jedem Volk gestellt.
Dazu von der Welt Enden
  Sind hergekommen die
  Mit rauhgestruppten Lenden,
  Und suchen and're hie.
Von diesem großen Strauße
  Zu sein ein kleines Glied,
  Du weißt, aus diesem Haufe
  Daß auch dein Vater schied.
Die Zeit scheint jung zu werden
  Und ich bin alt genug;
  Lang sah ich geh'n aus Erden
  In gleichem Gleis den Pflug.
Daß nun in neuem Gleise
  Der Pflug zum Schwerte wird,
  Hat in der alten Weise
  Mich Alten fast verwirrt.
Ich sah in meinen Tagen
  Den großen Friedrich auch;
  Der Feind ward auch geschlagen,
  Allein nach ander'm Brauch.
Es galt die alte Regel:
  Soldat in's Feu'r hinein,
  Der Bauer mit dem Flegel
  Sieht zu, und läßt es sein.
Die Regel schien zu fruchten
  Nicht gegen diesen Feind,
  Bis and'res sie versuchten,
  Das anzuschlagen scheint.
Der Landsturm rief den Bauer,
  Der schnell ein Kriegsmann ward;
  Und künftig soll auf Dauer
  Die Sitte fein bewahrt.
Mein Kind, ich selber lerne
  Das neue Handwerk nicht;
  Du aber lernst es gerne,
  Mir sagt es dein Gesicht.
Ich schalt, wenn du mit Bolzen
  Geschossen in die Thür,
  Bleiklumpen eingeschmolzen,
  Und wußtest nicht, wofür.
Ich will dir stören, Bube,
  Nicht mehr dein krieg'risch Spiel,
  Wähl' in der warmen Stube
  Dem jungen Muth ein Ziel.
Geh, nimm das Schwert vom Nagel,
  Und dort, der alte Tisch,
  Darauf laß einen Hagel
  Von Hieben regnen frisch.
Du kannst Franzos ihn taufen;
  Spalt ihm's Gedärm im Bauch.
  Er wird dir nicht entlaufen,
  Und dich nicht fressen auch.
Kind, bitte Gott mit Machten,
  Daß er den Vater schützt,
  Der jetzt in ernsten Schlachten
  Vielleicht sein Blut verspritzt.

Anmerkungen

Reuße

Alte Bezeichnung für Russe. siehe auch Wiktionary

Fitschepfeil

Offensichtlich ein Pfeil aus Schilfrohr als Material.

siehe auch Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

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