Zum Neujahr 1816

Im Schooß der Mitternacht geboren,
  Worin das Kind bewustlos lag,
  Erwacht, zum Leben jetzt erkoren,
  Das Jahr am ernsten Glockenschlag.
  An seiner Wieg' ein Engel sitzet,
  Dem vom zwiefachen Angesicht
  Zwiefacher Glanz des Lebens blitzet,
  Hier Abendroth, dort Morgenlicht.
Hier mit dem abendrothen Blicke
  Schaut er nach Westen hin, und sinnt
  Zusammenfassend die Geschicke
  Der Jahre, die vorüber sind:
  Dort mit dem Morgenantlitz wendet
  Er sich erwartungsvoll zum Ost,
  Dem, was von dort die Zukunft sendet,
  Entgegenblickend still getrost.
Dann, während in des Engels Mienen,
  Das Abendroth stets matter glüht,
  Und immer heller ist erschienen
  Auf ihnen, was wie Morgen sprüht;
  Nimmt er das Kind aus seiner Wiegen,
  Und aus des Engels Auge bricht
  Die Thräne, die darein gestiegen,
  Indeß sein Mund zum Kindlein spricht:
O du, der jüngste jetzt der Söhne,
  Die uns're Mutter Zeit gebar,
  Sei mir in deiner Unschuld Schöne,
  Sei mir gegrüßt, du junges Jahr!
  Schon manches hab' ich aus der Wiege
  Genommen, und zu Grab gelegt,
  Damit an's Licht ein and'res stiege,
  Und süße Hoffnung stets gehegt:
Die Hoffnung aller Welt und meine,
  Die jedem Jahr entgegentönt,
  Ob endlich einmal das erscheine,
  Von welchem sei das Werk gekrönt,
  Ob endlich das sei angebrochen,
  Von welchem uns erfüllet sei,
  Was von den Vor'gen ward versprochen?
  Wenn du das bist, so sag' mir's frei.
Ich kann durch meiner Rührung Zähren
  Nicht deine Züge deutlich seh'n;
  Ein Lächeln scheint sie zu verklären:
  Sprich, soll durch dich uns Heil gescheh'n?
  Willst du nicht wieder täuschend schwinden,
  Wie vor dir deiner Brüder g'nug,
  Das wir den Glauben wieder finden,
  Den uns geraubt der Zeiten Lug?
Willst du den bangen Knäul entwirren,
  Der um der Menschheit Brust sich schlang,
  Und lösen ird'scher Zwietracht Klirren
  Auf in harmon'schen Sphärenklang?
  Aufführen aus bewegten Stoffen
  Den Bau, der auf sich selbst kann ruh'n?
  Kurz, was wir wünschen, was wir hoffen,
  Ja, was wir fordern, willst du's thun?
O seligstes der Zeitenkinder,
  Wenn das Geschick das Amt dir beut,
  Zu sein der Ernte Garbenbinder,
  Die jene vor dir ausgestreut!
  So wünsch' ich dir vom Himmel heuer
  Den besten Sonnenschein, der frommt,
  Daß in die große Völkerscheuer
  Der Weizen unberegnet kommt.
So wünsch' ich, daß ein neues Leben
  Der alten Erde Mark durchdringt,
  Daß aus des nächsten Herbstes Reben
  Uns gold'nes Heil entgegen springt;
  Daß bei des Jahres Brod und Weine
  Frei unter ofs'nem Himmelssaal
  Die Völker feiern im Vereine
  Das große Bundesabendmahl.
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