Im Mai 1816.

Der Frühling, eh' er sonst ist eingetroffen,
  Pflegt seine Boten doch voraus zu schicken,
  Damit es wissen die, so auf ihn hoffen,
  Und zum Empfang sich ziemend können schicken,
  Daß Vögel ihre Kehlen halten offen,
  Und Knospen von den Zweigen wartend blicken,
  Damit, wenn er nun ausführt seine Schöne,
  Fein alles ihm entgegen blüh' und töne.
Du aber, o erhab'ner Fürstensohn!
  Wie lange zwar in Land und Stadt und Schlosse
  Erwartung dir entgegeublickte schon,
  Bist doch, gleich unerwartetem Geschosse,
  Das eh'r am Ziel ist, als der Senne Ton
  Man schwirren hört, gekommen, daß der Rosse
  Hufschlag allein gab Botschaft unsern Ohren,
  Wie, fern geglaubt, du nahe seist den Thoren.
Das macht: Solch' eine Gottheit ist im Wagen
  Zur Seite dir gesessen, die den Zügel
  Gefaßt, die, wenn uns Dichter Wahrheit sagen,
  Auch schnellen Rossen leih'n kann schnell're Flügel;
  Die hat dich selb, dir unvermerkt, getragen
  So rasch hieher, daß du am letzten Hügel
  Nicht minder überrascht dich finden mußtest.
  Als du uns hier zu überraschen wußtest.
Wir wissen noch, wie einst vor Jahresfrist,
  Als in der Ferne tos'te Kampfeswetter,
  (Wo ist das Herz, das jenen Tag vergißt?)
  Du, als ein Held und Vaterlandesretter,
  Zurückgekehrt in uns're Mauern bist,
  Begrüßt von freudetrunk'nem Volksgeschmetter,
  So laut begrüßt, daß, was hier damals schallte,
  Rings durch ganz Deutschland brausend widerhallte.
Heut kehrest du zum heimischen Gefilde,
  Aus anderm Kampf, mit anderm Siegespreis;
  Der Helm ist abgelegt, und in dem Schilde
  Anstatt des Lorbers steht das Myrthenreis:
  Der Stern der Kraft hat einem Stern der Milde
  Sich zugewandt, verschlingend Kreis in Kreis;
  Und aufgeht diese sel'ge Doppelhelle
  Ob unsern Häuptern, an des Maimonds Schwelle.
O mögest du von diesem Liebessterne,
  Den dir die Wahl des Herzens zugesellt,
  Jetzt sein und immerfort im tiefsten Kerne
  Durchfunkelt so, von Freudenglanz durchhellt,
  Daß Lust und Glück, ausstrahlend in die Ferne,
  Ström' über ans dir selb auf deine Welt,
  Und sich in deines Himmels Widerscheinen
  Gedeihlich sonnen mögen all' die Deinen.
Denn, wie auch über alles Volk hinaus
  Ein Fürstenhaupt sich himmelan mag heben,
  Zuvörderst muß ihm doch im eig'nen Haus
  Die Liebe wohnen und im eig'nen Leben,
  Wenn vom Palast sie in die Hütten aus
  Soll geh'n und segnend über'm Lande schweben.
  Das Heil ist jetzt, o Fürst, dir widerfahren;
  Das wird dein Land an seinem Heil gewahren.
Der Saft ist gährend in des Baumes Zweigen, .
  Weil sich der Frühling in den Lüften regt;
  Von Keimen, die zum Lichte wollen steigen,
  Ist hoffnungsvoll des Landes Schooß bewegt.
  Nun werden auch die Winterstürme schweigen,
  Still wird die Blüthe sein zu Tag gelegt,
  Und grünen wird der Baum durch alle Glieder
  Hoch von der Krone bis zur Wurzel nieder.
Du Würtemberg, in deutscher Flur ein Garten,
  An eig'nem Tranke reich und eig'ner Kost!
  Die Winzer, welche deiner Reben warten,
  Versichern, daß bis jetzt nichts that der Frost.
  Ja, übertroffen ist ganz ihr Erwarten,
  Begeistert sind sie schon vom künft'gen Most.
  Der schäumen soll für dich in voller Tonne,
  Gereift an Strahlen dieser Liebessonne.
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