Der Frühling an der Grenze.

 Der Frühling in einer warmen Nacht
   Kam an die ---*---sche Grenze,
   Nach Deutschland wollt er mit Bedacht
   Aus Welschland bringen Kränze.
   Herr Lenz! habt Acht!
   Der Grenzner wacht,
   Den Schlagbaum läßt er fallen,
   Und seine Stimm erschallen:
 Wer bist du wandernder, Gesell
   Im flattrigen Gewande?
   Woher des Nachts an dieser Stell?
   Wohin? aus welchem Lande?
   Wie heißt du? „Lenz!“
   Ei Pestilenz!
   Herr Lenz, den Namen lasse
   Mich sehn in deinem Passe.
 „Vergessen hab ich meinen Paß,
   Ich habe den Paß verloren,
   Ich hab an Pässen keinen Spaß,
   Bin ohne Paß geboren.“
   Ganz gut! doch muß,
   Das ist der Schluß,
   Ich einen Paß visiren.
   Sonst, kannst du nicht passiren.
 Da ist der Lenz des Passens satt,
   Er greift in seine Tasche,
   Und wirft ein grünes Lindenblatt
   Dem Zöllner zu: „Da hasche“«
   Was ist denn das?
   „Das ist mein Paß.“
   Der Zöllner ist übersichtig,
   Und meint, der Paß sei richtig.
 Sag an, ich kann's im Paß nicht sehn,
   Was ist der Zweck der Reise?
   „Der Zweck ist, zwecklos zu besehn
   Das Land auf meine Weise“
   Und was ist, zeig,
   Dein Nahrungszweig?
   „O, es sind deren viele,
   Auf kurzem und langem Stiele.
„Die grünen Zweig in aller Welt,
   Die lieb' ich für mein Leben.
   Bin auch als Gärtner angestellt,
   Doch zieh' ich Blumen nur eben.“
   Du solltest im Feld
   Kohl ziehn für's Geld,
   Und fein zu Markt ihn bringen,
   Die Steuern zu erschwingen.
 Ich war beständig steuerfrei,
   Und die so mich belehnten
   Mit meinem Gut, bedungen dabei
   Sich nur von Blumen den Zehnten;
   Den geb' ich gern
   Auch euch, ihr Herrn.
   Kohl pflanz' ich nicht, mein frommer
   Better thut das, der Sommer.
„Doch treib' ich auch eine Handelschaft,
   Ich führe hier im Täschchen
   Fläschchen voll allerlei Blumensaft,
   Da riech einmal dies Fläschchen!“
   Der Grenzner niest
   Das ihn verdrießt:
   Tabak riecht angenehmer;
   Zum Teufel, Balsamskrämer!
„So habt ihr keine Freude gar
   An allen lenzlichen Dingen?“
   O ja! gern hätt' ich einen Staar
   In meinem Käfich singen.
   Ich darf nicht 'raus
   Aus meinem Haus,
   Kann also keinen mir fangen.
   „Da thu' ich dein Verlangen.“
 Der Grenzner spricht: Mein lieber Wicht,
   Bist auch ein Vogelsteller?
   Der Frühling spricht: Warum denn nicht?
   Es fängt sie niemand schneller.
   Ich fange nie
   Mit Ruthen sie,
   Die Vöglein sind mein eigen
   Auf allen grünen Zweigen.
 Ich geh' frühmorgens aus in's Feld,
   Und lasse den Vogelruf schallen,
   Den jeder Vogel für seinen hält,
   Lerchen und Nachtigallen
   Lernen von mir
   Ihn mit Begier,
   Ich lern' ihn nicht von ihnen;
   Kann ich damit dir dienen?
 Er setzt' ein Pfeiflein an den Mund,
   Und blies darein mit Machten;
   Da thaten sich tausend Vöglein kund,
   Die in der Nacht erwachten.
   Der Gränzner stutzt:
   Herr, das benutzt!
   Wenn ihr euch Müh wollt geben,
   So könnt ihr davon leben.
 Wir haben hier schon lange gesucht
   Ein Mittel zu ersinnen,
   Der Vöglein ungezähmte Zucht
   Für unsre Sach zu gewinnen.
   Die Kunst besitzt
   Ihr, seh' ich itzt,
   Die Vöglein dahin zu bringen
   Nach eurer Pfeife zu singen.
 Seid uns willkommen, tretet ein
   In unsres Reiches Grenze!
   Befaßt euch nicht mit Kinderein,
   Werft von euch eure Kränze,
   Meldet euch frei
   Der Polizei,
   Und wollt zum Angedenken
   Mir auch das Stärlein schenken.
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