Die linke Hand.

Ein Räubertrupp, berauscht von Blut,
  Tritt in des Landmanns Hütten,
  Und fangen an in Uebermuth
  Den Haushalt zu zerrütten.
  Sie nehmen, was zu nehmen ist,
  Und lassen nichts am Platze,
  Die Kuh im Stall, den Hahn vom Mist,
  Und unterm Tisch die Katze.
Geduldig sieht's der alte Russ',
  Von seinem Platz nicht ruckend,
  Und seinen schweigenden Verdruß
  Im dichten Bart verschluckend;
  Da tritt ihn selber einer an,
  Läßt eine Hand sich reichen,
  Und malt, als er sie hingethan,
  Ihm drein ein rothes Zeichen.
Aufthut der Russe seinen Mund,
  Und fragt' was es bedeute?
  Da thut es ein Polack ihm kund,
  Der mit war von der Meute:
  „Das ist des Kaisers Namenszug,
  Der uns die Macht gegeben;
  Und wer einmal dies Zeichen trug,
  Ist eigen ihm für's Leben.
Durch dieses Zeichen bist du nun
  Geworden auch sein eigen.“
  Der Russe läßt die Blicke ruhn
  Auf seiner Hand mit Schweigen;
  Dann legt er hin sie auf den Tisch,
  Die Hand, es war die linke, -
  Und aus dem Gürtel ziehet frisch
  Das Beil die rechte flinke.
Er führt den Streich, und trifft so gut,
  Daß hoch das Blut ausspritzet:
  „Da nehmt die Hand, bedeckt mit Blut,
  Und seht, was sie euch nützet!
  Nehmt hin, was eures Kaisers ist,
  Und was da trägt sein Zeichen!
  Ihr werdet mit Gewalt und List
  Nicht euern Zweck erreichen.
Ich geb euch nur die linke Hand,
  So bleibt noch mein die rechte,
  Mit der ich für mein Vaterland,
  Für meinen Kaiser fechte.
  Und nehmt ihr auch die rechte hier,
  So werd ich nicht verzagen:
  Die Rechte Gottes über mir
  In Wolken wird euch schlagen.“
Da hob er hoch als wie zum Schwur,
  Des Armes blut'gen Stümmel,
  Und die es sahn, ein Schreck durchfuhr,
  Sie fliehen mit Getümmel;
  Es war als sähn sie aus dem Blut
  Den Geist schon steigen rauchend,
  Deß rechter Arm sie schlug mit Muth,
  Die linke Hand nicht brauchend.
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