Oktoberfeuer.

Als am achtzehnten Oktober,
  Jahrestag der Leipz'ger Schlacht,
  Wo der große Weltdurchtober
  Ward besiegt zur Ruh gebracht,
  Sich aus allen deutschen Herzen
  Hell des Dankes Flamme wand,
  Und in tausend Feuerkerzen
  Sichtbar auf den Bergen stand;
Da gieng solch ein starker Odem
  Von dem Brand der Freiheit aus,
  Daß er mich vom ird'schen Bodem
  Riß empor mit Windesbraus.
  Schwebend auf des Geistes Flügel
  Sah ich, wie mein deutsches Land,
  All ein Tempel, alle Hügel
  Zu Altären habend, stand.
Droben war der Himmel offen,
  Und die Engel sahen drein,
  Und der Glaube und das Hoffen
  Standen hell mit in den Reih'n.
  Aber rings, nach Beterweise,
  Traten zwischen Erd' und Luft,
  Stehend in dreifachem Kreise,
  Deutsche Geister aus dem Duft.
Die gewaltigen Germanen,
  Welche in der alten Zeit,
  Ungeschreckt von Römerfahnen,
  Sich dem Freiheitstod geweiht,
  Hermann und die Schaar der Seinen,
  Feiernd ihrer Enkel Preis,
  In der Flamme Widerscheinen
  Standen sie als erster Kreis.
Die erlauchten minder alten,
  ,Mittelalters Blum' und Stern,
  Ritterliche Kriegsgestalten,
  Sänger, Kaiser, Fürsten, Herrn,
  Deutschen Reiches Herrlichkeiten,
  Bildeten in hohem Rath
  Um die Gluth den Kreis, den zweiten,
  Stolz auf ihrer Söhne That.
Endlich all die jung' und neuen
  Helden aus dem großen Jahr,
  Was für's Vaterland in Treuen
  In der,Schlacht gefallen war:
  Die, für die man Feuer schürte,
  Standen als der nächste Kranz
  Um die Feuer, wie's gebührte,
  Und am hellsten war ihr Glanz.
Da in solchem Festgepränge
  Rings die Welt der Geister stand,
  Und dazwischen Menschenmenge
  Schürte ihrer Feuer Brand;
  Sah ich einen Cherub schreiten
  Durch die Nacht hin, wunderbar,
  Der, wie ich nach allen Seiten
  Sah, zugleich auf allen war.
Ueber aller Berge Pfosten
  Setzt' er seinen Gluthentritt,
  Und aus Süden, Nord und Osten
  Nahm er Rauch und Flammen mit.
  Endlich hell mir gegenüber
  Auf des höchsten Berges Thron
  Setzt' er sich; da war's als hüb' er
  Also seiner Rede Ton:
Von den Engeln, die als Gäste
  Droben sitzen, zuzusehn,
  Als der Wirth bei diesem Feste
  Bin ich heute ausersehn.
  Die ihr meine Feuerflammen
  So geschäftig dort umkreist,
  Höret, Menschen allzusammen,
  Denn ich bin der Feuergeist.
Vor dem Antlitz Gottes steh' ich,
  Erster Diener seiner Schaar,
  Und von ihm als Bote geh' ich,
  Ausgesendet immerdar,
  Strahlen seines Angesichtes
  Tragend in die dunkle Welt,
  Sonnen- oder Sternenlichtes,
  Wie dem Herrn es wohlgefällt;
Daß, wo in den trägen Stoffen
  Ew'ges schlummert in der Nacht,
  Es, vom Himmelsstrahl getroffen,
  Sei zum Leben angefacht;
  Daß sich Funken in dem Steine,
  Gluthen regen in der Brust,
  Und die ganze Erd als eine
  Bunte Flamme blüh' in Lust.
Aber wenn in Finsternisse
  Sich der Tod im Abgrund hüllt,
  Und, daß Gott von ihm nichts wisse,
  Seinen Schlund mit Dampf erfüllt;
  Wenn er ganz den Quell des Lebens
  Hat verstockt in faulen Sumpf,
  Und nach Trostes Licht vergebens
  Blickt die Menschheit starr und dumpf:
Dann anstatt der Sonnenstrahle
  Giebt mir in die Hände Gott
  Einen Blitz, und spricht: Bezahle
  Nun dem Spötter seinen Spott!
  Wie ich blitzend niederfahre,
  Lodert hell ein Weltbrand auf,
  Wird die Erde zum Altare,
  Und der Tod das Opfer drauf.
Solch ein Rächeramt vollbringend
  Mit dem gottgeliehnen Blitz,
  Fuhr ich neulich, flammenschwingend,
  Nieder von des Himmels Sitz,
  Bin ein Jahr hindurch gefahren.
  Das ein Feuer Gottes war,
  Und zum Schluß mit meinen Schaaren
  Schür ich heut den Festaltar.
  O wie schlug das Kriegesfeuer
  Von der Erde himmelwärts,
  O wie brennend ungeheuer
  Schlugst du auf, Europas Herz!
  Deutschland, o in wieviel Schlachten
  Warst du Feuer-hell und klar,
  Aber nie mit solchen Machten,
  Als in der vor einem Jahr:
Als die einzlen Siegesstrahlen,
  Welche dort und hier gefunkt,
  Strebten, Heere ohne Zahlen,
  Hin in einen Mittelpunkt,
  Dorthin, wo die himmelhohe
  Schmach, seit Jahren aufgehäuft,
  In dreitagelanger Lohe
  Ward von Sühnungsgluth ersäuft.
Damals haben in den Flammen
  Tausend Herzen so geglüht,
  Daß in Asche sie zusammen
  Sind versunken und versprüht.
  Aber seht ihr? Dort im Kreise
  Stehn sie um die Gluth herum,
  Und es soll auf diese Weise
  Brennen fort und fort ihr Ruhm.

Anmerkungen

Cherub

Ein Cherub, im Plural Cherubim, deutsch auch Cherubinen oder Cheruben war im Alten Orient und im Alten Testament ein geflügeltes Fabelwesen, zumeist mit Tierleib und Menschengesicht.

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