Der Götter Rath.

Die hohen Götter halten Rath,
  Bestürzung ist im Himmel;
  Denn schwirrend von der Erde naht
  Von Stimmen ein Gewimmel,
  Die Stimmen rufen all so laut,
  Daß fast davor den Göttern graut,
  Sie rufen: Seid ihr droben,
  So schaut jetzt her von oben!
Wir meineten, daß ihr's gethan,
  Und wollten Dank euch sagen,
  Als wir den Zwingherrn fallen sahn,
  Auf's blut'ge Haupt geschlagen.
  Er war in euerer Gewalt;
  Zu einem sichern Aufenthalt
  Verspracht ihr ihn zu bringen;
  Was laßt ihr ihn entspringen?
War keine Hölle fest und groß
  Genug für diese Hider?
  Ihr aber setzt im sanften Schooß
  Ihn eines Eilands nieder,
  Von welchem er herüberschnaubt;
  Da hofft auf ihn, wer an ihn glaubt,
  Und Schwachheit bebt beklommen
  Vor seinem Wiederkommen.
Man sah ihn auf der Insel stehn,
  Umwölkt von Nachtentwürfen,
  Die, um an's feste Land zu wehn,
  Nur eines Hauchs bedürfen;
  Und eh wir selbst es uns Versahn,
  Hat er den Riesensprung gethan,
  Und steht auf unsern Küsten
  Mit neuem Blutgelüsten.
Weß Schuld ist, daß die Fesseln bricht
  Der alte blut'ge Schlächter?
  Und welche blinde Zuversicht
  Bethörte seine Wächter?
  Wielang und bis zu welchem Ziel
  Ist euch die Ruh der Welt ein Spiel?
  Fast müssen wir, o Götter,
  Euch leugnen gleich dem Spötter.
Sie hörten, und ein Schauder fuhr
  Durch ihre Götterglieder;
  Sie sendeten den Gott Merkur
  Vom hohen Himmel nieder;
  Hinflog der Gott, und war bereit
  Mit goldener Beredtsamkeit
  Den Aufruhr zu beschwichten,
  Die Völker aufzurichten.
Da ward die Iris auch gesandt
  Auf einem Regenbogen,
  Die, zu des Nereus Reich gewandt,
  Ihn fand aus seinen Wogen,
  Wo er im Muschelwagen schlief;
  Aufwacht er, als die Göttin rief,
  Ihn nach der Götter Ordern
  Zur Rechenschaft zu fordern.
Und als er stand vor Jovis Thron,
  Zu führen seine Sache,
  Warum aus seiner Haft entflohn
  Der ihm vertraute Drache;
  Nicht weiß ich, wie vor'm Götterrath
  Der Meergott sich entschuldigt hat;
  Ich blickt' indeß zur Erde,
  Zu sehn, was dort nun werde.
Zusammen treten sah ich da
  Zwei mächtige Titanen,
  Und alles Volk von fern und nah
  Sich sammeln zu den Fahnen,
  Die zu des Drachen Wiederfang,
  Der aus der Götter Hut entsprang,
  Ihr Herzblut nicht zu sparen
  Noch einmal willig waren.
Mit ungeheuern Strömen Blut
  Ist ihnen es gelungen;
  Der Drache wieder war in Hut;
  Und denen er entsprungen,
  Die Götter nahmen wieder ihn,
  Nach Haus sah ich die Völker ziehn;
  Da sprach der Götter Vater
  Im Kreis der Weltberather:
Das Volk der Erd' ist treu und gut,
  Das hat es nun bewiesen,
  Da wieder es sein Herzensblut
  Verspritzt für uns und diesen.
  Den geb ich, Schiffer Nereus, hier
  Noch einmal in Verwahrung dir;
  Doch sieh nun, daß du besser
  Verwahrst den Völkerfresser.
Der Drache soll zur Hölle nicht,
  Weil er auf einem Throne
  Gesessen; es ist Götterpflicht,
  Zu ehren jede Krone.
  Doch bringe du zum fernsten Port
  Des Meeres ihn, und fessl' ihn dort
  Mit diamantner Kette,
  Daß keine Höll ihn rette!
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