Der Schweizerkäs von 1814.

Es saß das Volk der Maden
  Auf seinem Schweizerkäs,
  Und thäte sich berathen,
  Wohl Zeit und Ort gemäß;
  Sie hielten Tagessatzung,
  Und wichtige Beschwatzung,
  Auf ihrem Schweizerkäs.
Sie sind ganz unverträglich,
  Ein jeder macht sich breit;
  Sie lärmen ganz unsäglich
  In ungeheurem Streit,
  Als ging's um Erd' und Himmel,
  Auf ihres Käses Schimmel,
  Wer stiftet Einigkeit?
So ging's den ganzen Frühling,
  Und so den Sommer auch
  Bis zu des Herbstes Frühling,
  Mit immergleichem Brauch.
  Nun gnug, du Volk der Maden.
  Jetzt sollst du dich berathen
  Nach Lust in einem Bauch.
Des deutschen Hauses Mutter
  Sprach: Ich hab' frisches Brot,
  Ich hab' auch gute Butter,
  Ein Käs dazu ist Noth.
  Der Käs ist zwar voll Moden,
  Sie werden mir nicht schaden,
  Ich streiche sie auf's Brot.
Ich seh 'nen schwarzen Raben,
  Ganz nah dem Käf' er sitzt;
  Er möchte gern ihn haben,
  Sehr seinen Schnabel spitzt.
  Daß ich davor ihn hüte,
  Will selbst ich zu Gemüthe
  Den Käs mir führen itzt.
Da nahm die Frau ein Messer
  Und schnitt den Käs entzwei,
  Und sagte, daß nichts besser
  Zu schwarzem Brote sei;
  Sie strich den ganzen Schimmel,
  Die Maden im Gewimmel,
  Aufs Brod, und aß es frei.
So sprach ich, halb im Traume,
  Da mir der Alpen Reih'
  Erschien aus fernem Raume,
  Als ob's ein Käs nur sei.
  Jetzt hab' ich mich bescheidet,
  Daß Berg' es sind, die schneidet
  Man nicht wie Käs entzwei.
So mögen denn die Berge
  In Gottesnamen stehn,
  Und Riesen oder Zwerge
  Davon hernieder sehn;
  Doch, daß auch Berge wanken,
  Wenn ihre Hüter zanken,
  Das sollten sie verstehn.
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