Die hohle Weide.

Der Morgenthau verstreut im Thale
  Sein blitzendes Geschmeide;
  Da richtet sich im ersten Strahle
  Empor am Bach die Weide.
Im Nachtthau ließ sie niederhangen
  Ihr grünendes Gefieder,
  Und hebt mit Hoffnung und Verlangen
  Es nun im Frühroth wieder.
Die Weide hat seit alten Tagen
  So manchem Sturm getrutzet,
  Ist immer wieder ausgeschlagen,
  So oft man sie gestutzet.
Es hat sich in getrennte Glieder
  Ihr hohler Stamm zerklüftet,
  Und jedes Stämmchen hat sich wieder
  Mit eigner Bork' umrüstet.
Sie weichen auseinander immer,
  Und wer sie sieht, der schwöret,
  Es haben diese Stämme nimmer
  Zu einem Stamm gehöret.
Doch wie die Lüfte drüber rauschen,
  So neigen mit Geflüster
  Die Zweig' einander zu, und tauschen
  Noch Grüße wie Geschwister;
Und wölben über'm hohlen Kerne
  Wohl gegen Sturmes Wirthen
  Ein Obdach, unter welchem gerne
  Des Liedes Tauben brüten.
Soll ich, o Weide, dich beklagen,
  Daß du den Kern vermissest,
  Da jeden Frühling auszuschlagen
  Du dennoch nie vergissest?
Du gleichest meinem Vaterlande,
  Dem tief in sich gespaltnen,
  Von einem tiefern Lebensbande
  Zusammen doch gehaltnen.
../../_images/nach-den-freiheitsjahren-s247-die-hole-weide.png ../../_images/nach-den-freiheitsjahren-s246-die-hole-weide.png