II. Als im Judäerland Herodes König war

                  II.

Als im Judäerland Herodes König war,
Erfülllte sich das Wort des Höchsten wunderbar.

Im jüdischen Gebirg da wohnte Zacharia
Genannt ein Priester von der Priesterzunft Abia.

Von Arons Töchtern war sein Weib Elisabeth;
Die Beiden lebten fromm und eifrig im Gebet.

Vor'm Herren wandelten sie in Gerechtigkeit,
Gebot und Satzungen treu haltend alle Zeit.

Doch hatten sie kein Kind, unfruchtbar war das Weib,
Und beiden Gatten war gealtert schon der Leib.

Als nun auf eine Zeit des Opferdienstes Reihe
An Zacharia kam, begab er sich in Weihe

Zum Tempel hin, und dort nach priesterlichem Brauch
Ging er in's Heiligthum, zu streuen Opferrauch.

Den Weihrauch streut' er da zum Rauchaltare tretend,
Und draußen wartete des Vollkes Menge betend.

Da sah er und erschrak, er sah, wie an dem Rand
Des Altars rechter Hand ein Engel Gottes stand.

Der sprach: Nicht fürchte dich! erhört ist dein Gebet,
Und einen Sohn gebiert dein Weib Elisabeth.

Johannes, also sollst du nennen dessen Namen,
Dein Trost sei und dein Stolz der gottverliehne Samen.

Und viele werden einst sich des Geborenen freuen,
Die er zur Buße ruft, die Sünden zu bereun.

Groß wird er sein vor'm Herrn, vom heil'gem Geist erfüllt,
Von Wein und Rauschtrank fern, in strenge Zucht gehüllt.

Der Söhne Israel; bekehren wird er viele
Zum Herren ihrem Gott, und lenken zu dem Ziele.

Die Widerspenstigkeit der Herzen wird er schlichten,
Um ein bereites Volk dem Herren zuzurichten.

Im Geist und in der Kraft Eliä, des Propheten,
Wird er im Pfad des Heils einher ein Mahner treten.

Doch Zacharia sprach zum Engel unverzagt:
Woran erkenn' ich dies, was du mir vorgesagt?

Denn ich bin alt, und auch mein Weib ist wohlbetagt.

Da sprach der Engel: Ich bin Gabriel und stand
Vor'm Angesicht des Herrn, von dem ich bin gesandt.

Doch siehe, wirst du der Rede sein beraubt,
Weil du der Botschaft, die ich brachte, nicht geglaubt.

Und erst wenn alles ist erfüllt, wirst du gewinnen
Die Rede wieder. So sprach er und verschwand von hinnen.

Nun wartete das Volk auch draußen, und es nahm
Sie alle Wunder, daß nicht Zacharia kam.

Sie wußten nicht, warum er säumt' im Heiligthum,
Und als er kam heraus Zu ihnen, was er stumm.

Er konnte zu dem Volk nicht sprechen einen Laut,
Da merkten sie, daß er drin ein Gesicht geschaut.

Doch im Geberden hub er ihnen an zu deuten,
Zu winken, aber stumm verblieb er vor den Leuten.

Im  Heiligthume ging er stumm nun ein und aus,
Und als des Dienstes Frist war um, ging er nach Haus.

Nach dieser Zeit empfing Elisabeth, sein Weib,
Vom fünften Monat an verbarg sie ihren Leib.

Sie sprach im Herzen: So hat mir der Herr gethan,
Da mit Barmheruigkeit er sah mein Alter an.

Gelobt sei seine Hand, die über mich gekommen,
Und hat vor meinem Volk von mir die Schmach genommen.