Aprilreisebätter 29(40)

             29.

          Die Linde.

Ich zubenannt mit sanftem Namen Linde,
  Vom Thau des Himmels dreifach übergossen,
  Weiß wohl, warum vor allen Waldgenossen
  So freudig stolz ich rauschen darf im Winde.

Denn sie die andern alle treibt der blinde
  Trieb ihrer Säfte, daß sie blühn und sprossen:
  Doch mir ist Selbstbewußtsein aufgeschlossen,
  Und eine Gottheit wohnt in meiner Rinde.

Von zweien Menschenherzen, welche Liebe
  Im Schatten meiner Aeste jüngst sich schwuren,
  Ist mir zu Theil geworden solche Gnade.

Vergeistigt ward mein Trieb von ihrem Triebe;
  Und Hauche, die aus ihren Lippen fuhren,
  Gestalteten in mir sich zur Dryade.

Anmerkungen

Dryade

Baumnymphe

siehe: Dryade auf Wikipedia