Gefesselt hielt mich

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Gefesselt hielt mich staunendes Verstummen,
  Und in Anschauung war ich hingesunken,
  Bis aus dem Traum mich weckt' ein helles Summen.

Da sah  aus dem Kern der Kerze Funken
  Velebten Lichtes wimmeln, goldne Bienen,
  Die tönend sich ergossen, liebestrunken.

Sie flogen nach der Ros' und machten Mienen,
  Am süßen Thau in ihrem Kelche flüchtig
  Sich ihres Bienenrechtes zu bedienen.

Da ward ich auf die kecken eifersüchstig,
  Ich flog, unangefochten von dem Schwarme,
  Zur Ros' und küßte auf den Mund sie tüchtig.

Da lag die Liebste wachend mir im Arme,
  Und alle Zauber um sie her entzitterten,
  Die Bienenfunken starben bleich vor Harme.

Der Kerze letzte Todesstrahlen knitterten;
  Verlöschend ließ sie dunkel ganz das Zimmer,
  Wo schwach nur Edelstein und Perle flitterten.

Im Blick der Liebsten war der Liebe Schimmer;
  Sie klagte mir mit einem leisen Ache,
  Es habe sie ein Traum verstört, ein schlimmer.

Da scheuten Perl' und Stein der Herrin Rache,
  Daß nicht die Unart ihnen sie verweise;
  Und keins von beiden that, als ob« es wachin

Sie aber doch, als ob sie ahne leise,
  Was vorgegangen, nahm ein festes Kästchen
  Und schloß darein das edle Paar mit Fleiße.

So hatten die zusammen nun ihr Restchen,
  Wo sie sich weiter unterhalten mochten.
  Ich hätte gern zu ihnen auch ein Nestchen

Gelegt der Kerze, die so brav gefochten;
  Allein sie hatte sich im Flammenspiele
  Des Kampfs verzehrt mit allen Lebensdochten;

Indeß die beiden andern ohne Schwiele
  Vom Kampfplatz gingen. Da beschloß im Herzen
  Ich auszugleichen das mit meinem Kiele.

Der Liebsten Augen mach't ich mir zu Kerzen,
  Den Stoff des Lieds als Biene draus zu saugen.
  Was euch das Lied hier dargebracht mit Scherzen,

Das ist gesogen aus der Liebsten Augen.