Erste Stufe. Einkehr: 89., 90., 91., 92.

Doch wo der ringende Gedank’ ist überschwänglich,
  Ist Wiederholung auch dem Meister unumgänglich.
Wo du daß Thema nicht vermagst hervorzutonen,
  Erschöpfen mußt du es in Variationen.

                            90.

Ich will durchaus nicht thun, was wollen die und lieben,
  Für die gesungen jetzt, getanzt wird und geschrieben.
Nur hören wollen sie und sehn, ohn' aufzuthun
  Ein innres Aug' nnd Ohr, im Außern müßig ruhn,
Genießen, schweigen nur, nicht denken noch sich bilden;
  Mit uugezügelter Einbildungsskraft verwilden.
Dazu helf' ihnen treu Musik und Bühnenkunst,
  Du, edle Poesie, verschmäh' die schnöde Brunst!
Oh von den deinen auch sich ihnen beigeselle
  Mährchen, Roman, Romanz', Erzählung und Novelle;
Doch, heil'ge Lyrik, du, von wo ou bist, nach oben
  Deut' ihnen warnend ernst, ob sie ob nicht sie's loben.

                            91.

Noch lange nicht genug geschrieben und gedichtet,
  Noch lange nicht genug gesichtet und gelichtet.
Gebt nur die Ewigkeit von eurem Srhreiben auf,
  Sonst schreckt die Phantasie maßloser Bücherhauf.
Denkt, daß ihr schreibt nur statt zu denken und zu sprechen,
  lind so ist ohne Maß zu schreiben kein Verbrechen.
Denn alles, was ihr denkt und sprecht, verweht der Wind,
  lind immer muß sich neu aussprechen Mann und Kind.

                            92.

Warum mit Reimen euch, und schweren Reimen, quälen?
  Wär' es, ihr Dichter, nicht genug die Silben zählen?
Den Griechen war's genug, warum wär's uns nicht auch?
  Doch Silbenzählung selbst ist zeitlicher Gebrauch:
Der Psalter David's rauscht noch ohne Silbenzah;
  Und so aus Zeit in Zeit wuchs mit der Kunst die Qual;