Zweite Stufe 3., 4., 5.

                            3.

Der Strom, einmal getrübt, muß fließen eine Weile,
  Eh' aus der innern Füll' er seinen Schaden heile.
Vom Sturm erschüttert, muß in Wolkendampf die Luft
  Ausgähren, bis sie sich verklärt in reinen Duft.
So muß ein menschliches Gemüth auch erst ausschwanken,
  Wenn es ein äußrer Stoß, ein innrer, macht' erkranken.
Leicht heilt die Wunde, die man deinem Leib geschlagen;
  Die selbst dein Herz sich schlug, wird späte Narben tragen.
Doch wenn es grausam heißt, dem Freund die Wund' ausreißen;
  Sich selber es zu thun, kann auch nicht menschlich heißen.
Viel lieber lindes Oel geuß, das du hast im Haus,
  Auf deine Schmerzen und auf alle fremden aus.

                            4.

Zum Milden sprach ein Freund: Du mußt die Mild' ablegen,
  Die dich verarmen macht. Der Milde sprach dagegen:
Zur Milde hab' ich mich gewöhnt nach Gottes Bilde,
  Und seine Mild' hat sich gewöhnt an meine Milde.
Ich fürchte, wenn ich nun ablegen sollte meine
  Gewohnheit, möchte Gott ablegen mir die seine.

                            5.

Unglücklich bist du nicht, wie unbeglückt du seist;
  Das Schicksal nur beglückt, doch glücklich macht der Geist.
Denkst du, wie schön es wär', ob du ein Gut gewannst;
  Denk' auch, noch schöner ist's, daß du's entbehren kannst.
Ob anzutheilen du nicht Schätze hast im Haus,
  So theile, die du hast, die goldnen Lieder aus.
Ich gebe, was ich hab', und hab' um nur zu geben;
  Zu geben samml' ich ein, dies Sammeln ist mein Leben.
Den König Wollt' ich sehn, der in Freigebigkeit
  Mit mir wetteiferte! wer, Fürsten, wagt den Streit?
Dazu aus Ost und West erheb' ich Geisteszehnten,
  Zu lohnen königlich all' meinen Kronbelehnten.
So zieht die Sonne wohl das Wasser auf mit Strahlen,
  Und giebt's der Welt zurück in Regenbogenschalen.