Zweite Stufe 66., 67., 68., 69., 70., 71.

Gewohnheit, aber nur die üble, ist zu schelten,
  Gewöhnung bessere muß für das Beste gelten.
Denn Gutes, zur Natur geworden, haftet nur,
  Gewohnheit aber wird zur anderen Natur.

                          67.

Du mußt die Grübelein der Forschung nicht verachten;
  Das ist dein Glück, daß sie dir nie zu schaffen machten.
Doch giebt es andere, die anders aus nicht kommen;
  Die Plag', ihr einz'ger Trost, sei ihnen nicht genommen.

                          68.

Die Kunst ist um den Stamm des Lebens nur die Ranke,
  Die ihn umringelt, daß er blühnden Schmuck ihr danke.
Mit reichlichem Geweb laß sie den Stamm umstricken,
  Doch so nicht, daß der Stamm müß' unter'm Schmuck ersticken.

                          69.

Nur eine schöne Kunst ist nützlich in der That,
  Haushaltungskunst im Haus, im Leben und im Staat.
Haushaltungskunst, die so der Künste Schaugepränge
  Verwendet, daß kein Spiel den ernsten Zweck bedränge.

                          70.

Ein Buch, gelesenes, bringt dir die Welt in's Haus,
  Und ein geschriebnes bringt dich in die Welt hinaus.
Gefall' es wohl dem Glück, und mög' es dir gelingen,
  Dir immer schön die Welt, dich schön der Welt zu bringen.

                          71.

Nicht für die Menschheit nur und für den Geist der Welten,
  Du mußt auch für dich selbst Geschichte lassen gelten.
Denn Gleiches ist in dir, wie in der Welt, die streitet,
  Ein Streben, das durch Kampf beständig vorwärts schreitet.
Und wie die Geister, die der Zeiten Teppich weben,
  Stets neues wirkend, doch des Alten Bild aufheben,